Die Geschichte

Die Valtellina war in ihrer wechselhaften Geschichte über einige hundert Jahre Teil des heutigen Graubündens. Somit haben von je her intensive Beziehungen zwischen diesen beiden Regionen bestanden und dies schloss natürlich den Handel mit Wein ein. Gegen Ende des 19ten Jahrhunderts befanden sich im Veltlin 6000 Hektaren Rebfläche im Ertrag. Über viel Jahrzehnte hinweg entwickelte sich die Schweiz, resp. das Graubünden zum grössten Abnehmer von Veltliner Weinen. Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts hatte diese Bewegung ihren Höhepunkt erreicht: Es wurden 5 Millionen Liter Wein als dem Veltlin importiert! Doch bereits 10 Jahre zuvor zeichnete sich die Kehrtwende ab – seit den 70er Jahren begannen Rebflächen zu verschwinden. Heute stehen „nur“ noch 800 Hektaren Rebfläche im Veltlin im Ertrag.

Der Niedergang

Was war geschehen?

Das Veltlin produzierte und produziert auch heute noch viel sogenannten Offenwein, der in den Flaschengrössen 20cl, 50cl und 100cl meist in den Regalen der Grossverteiler landete. Natürlich waren die Preise tief, leider aber auch die Qualität. Als in den letzten 30 Jahren die Globalisierung eingesetzt hat und mit ihr auch Wissenstransfer im bei den Weinproduzenten und Weinkonsumenten, ist der Veltliner Wein einfach stehen geblieben. Die Zeit der geschliffenen, fruchtigen und vor allem preislich attraktiven Weine aus Übersee setzt ein, die traditionellen Weinbauregionen in Italien und Spanien wie z.B. Toskana, Sizilien, Rioja, Ribera del Duero usw. rüsten auf und auch der Schweizer Wein wird immer besser.

Die Nachfrage nach Veltliner Weinen in der Schweiz sinkt von Jahr zu Jahr.

In dem auf Massenproduktion getrimmten Veltliner Weinbau fehlt es an innovativen Köpfen, welche die Krise als Chance sehen. Was in vielen Weinbauregionen dieser Welt geschehen ist, als das veränderte Konsumentenverhalten einsetzte, blieb in der Valtellina aus. Während nachhaltige Innovationen im Rest der Weinwelt zu Aufschwung führten, dämmerte der Veltliner Wein im Dornröschenschlaf dahin, das Preisniveau sinkt dramatisch, viele Betriebe und Traubenproduzenten stellen ihre Produktion ein, junge Menschen verlassen den Rebbau und das Veltlin wird zum vergessenen (Wein-)Tal.

Heute

Das heutige Weinbaugebiet der Valtellina erstreckt sich auf knapp 60 Kilometer zwischen den Gemeinden Tirano und Morbegno. Das Klima ist nach wie vor prädestiniert für Weinbau, die Beschaffenheit der Böden perfekt für die Nebbiolo-Trauben und eine neue Generation von Winzern ist angetreten, die schlafende Prinzessin wachzuküssen!

Unterdessen kann man drei Strömungen ausmachen:

  • Die Traditionalisten, die noch den alten Weinbereitungsstil pflegen und dafür auch noch ihre Kundschaft haben. Sie führen eine lange Maischegärung bei eher tiefen Temperaturen durch. Der Ausbau findet dann in meist sehr alten, grossen Holzfässern statt. Hier besteht immer die Gefahr, dass die Weine bitter und hart werden oder von den alten Fässern einen Muffton erhalten. Winzer jedoch, die diese Weinbereitungsart im Griff haben, lassen Weine entstehen, die nach Jahren der Reifung auf der Flasche den Geniesser mit einer herrlichen Eleganz, Tiefe und Komplexität im Glas betören.
  • Die Modernisten stehen für die neue Valtellina. Die Frucht, Wucht und Geschmeidigkeit des Weines stehen im Vordergrund jedes Arbeitsschrittes. Sei es im Rebberg, bei der Kelterung oder beim Ausbau. Charakteristisch für die Weine der Modernisten sind weiche und runde Tannine, häufiger Einsatz von französischem Barrique sowie die Opulenz der Frucht. Diese Attribute sind es auch, die diesen Winzern ab und an den Vorwurf eintragen, die Weintradition der Valtellina zu verraten. Doch hierzu kann man natürlich die Frage stellen, ob es denn intelligenter ist, in (traditioneller) Schönheit zu sterben?
  • Die traditionellen Modernisten sind die jüngste und wahrscheinlich auch spannendste Gattung der neuen Valtellina. Praktisch alle von Ihnen sind junge, gut ausgebildete und vor allem idealistische Önologen, die von den Schulen ausserhalb der Valtellina in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Ihr Bestreben geht dahin, den Nebbiolo traditionell im grossen, gebrauchten Holzfass auszubauen, dies jedoch mit dem Ziel trotzdem runde Tannine und Fruchtigkeit im Wein zu behalten. Die gelungenen Exemplare dieser Methode sind von Anfang an elegante, komplexe, geschmeidige und tiefgründige Weine, die nicht mit Opulenz und dunkler Farbe überzeugen, sondern durch ihre schiere Schönheit bestechen. Zugegebenermassen ist die Kundschaft für diese Weine (noch) nicht sehr gross, aber es gibt auch (noch) nicht so viel Winzer in dieser Fraktion.